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Vorwort

Warum

Im Stern dieser Woche (Nr.5, 2007) ist ein Artikel über 105 junge Senegalesen, die von N‘Dangane, ca. 50 km Luftlinie von Banjul) in einer Piroge die Kanarischen Inseln zu erreichen versuchten. Den ge­schei­terten Versuch ins gelobte Land Europa und somit zu Arbeit und Geld für die Familien daheim zu kommen bezahlten 80 von ihnen mit dem Leben…

Und ich sitze gemütlich auf der Toilette, lese diesen Artikel und staune immer noch über den Luxus, der einfach da ist: Wasser in jeder gewünschten Temperatur und Menge, Straßen ohne Schlaglöcher, die man einfach befährt, ohne sich Gedanken machen zu müssen, wann die nächste Tankstelle kommt und ob die dann auch noch Benzin hat, ein sauberes Bett, Zähneputzen mit dem Wasser aus dem Wasserhahn und nicht aus der 1,5 Liter Flasche ‚Sidi Ali‘, Licht auf Knopfdruck, nicht ständig Polizei­kon­trollen, die Wegelagerern gleich die Straßen sperren…

Inschallah, so Gott will, ist das eine, das ich mitgebracht habe.

Das andere ist Demut.          

Vorspiel

Die Vorbereitungen

So, eben noch den 17. Newsletter abschicken und dann ist es auch schon kurz vor zehn und los geht’s. In den letzten fünf Wochen hatte ich Freunde und Verwandte mit dem „Plymouth-Banjul-Challenge Newsletter“ über die Vorbereitungen zu dieser typisch englischen Veranstaltung auf dem Laufenden gehalten. Zum mittlerweile fünften Male fahren mehr oder minder Verrückte aus England und ‚Um­ge­bung‘ mit altersschwachen Fahrzeugen durch Westafrika bis nach Gambia, um dort eben diese Autos zugunsten wohltätiger Zwecke versteigern zu lassen. Und diesmal gehörte ich zu diesen und das Auto, das meinen Freund Zeljko (sprich ‚Tschejko‘) und mich begleiten sollte, war ein 1,3 Liter Opel Kadett aus dem Jahr 1989. Eine Auflage dieser ‚Rallye‘ ist es nämlich, ein Auto zu besorgen, das nicht mehr als 100 englische Pfund (umgerechnet etwa 150 Euro) kosten darf. 

Zeljko hatte sich im Juni 2006 für die ‚Plymouth-Banjul-Challenge‘ angemeldet und den Rest des Jahres darauf verwandt, jemanden zu finden, der diesen Blödsinn mitmacht. Mitte Oktober fand er dann mich…     

Es ist gar nicht so einfach, ein Auto in dieser Preisklasse zu finden, das obendrein noch danach aus­sieht, es könnte über 6.000 Kilometer nach Afrika fahren. Mithilfe meines Freundes Klaus wurden wir in Dinslaken fündig: Ein Opel Kadett Coupé aus erster Hand, tadellos in Schuss und sogar TÜV-frei bis Mai 2008! Öl- und Bremsflüssigkeitswechsel, die Bremsen nachsehen („also ich würde ja die Brem­sen erneuern, die können aber durchaus noch solange halten“), einen Ersatzzahnriemen (der ja, wie be­kannt die Kraft vom Motor in Richtung der Räder weitertransportiert - und das mir, der ich Autos immer nur von außen betrachte) besorgen (weil der ja immer gerne reißt, wie mir mehrfach versichert worden war) und fertig war das ‚Wüstenmobil‘, das dann auch binnen kurzem den Namen ‚Borat‘ erhielt. (Wir versuchen immer noch, Herrn Cohen zu verklagen, weil er, ohne uns zu fragen, eben diesen Namen für einen Film verwandte. Allerdings mehren sich die Stimmen, die behaupten, der Film wäre vor unserem so benannten Wagen erschienen…)       

Die zweite Auflage ist, dass für die Bereitmachung des Wagens nicht mehr als fünfzehn englische Pfund (etwa 23 Euro) aufgebracht werden dürfen.

Was natürlich nicht bedeutet, dass an zusätzlicher, absolut notwendiger, Überlebensausstattung ge­spart werden muss.

Also machte ich mich daran, eben diese zu besorgen. Mit dem Ergebnis, dass der gute Borat dieses alles zu schleppen hatte:        

1 l Octane Booster (Benzinadditiv), 1 Fuel Filter Funnel (Benzintrichter), 1 Faltkanister (Wasser) 20 l, 2 Trinkflaschen, 1 Autokarte Marokko, 1 Autokarte Gambia - Senegal, 1 Megaphon, 1 Handbuch "Opel Kadett - So wird's gemacht", 1 Stirnlampe, diverse alte Handys, 2 'Nobite' Hautspray 50 ml, 1 Nobite Kleiderimprägnierung 100 ml, 1 Tschamba Fii Sonnenschutz 250 ml, 1 Trangia Camping­koch­geschirr, 64 Rollen Toilettenpapier, 1 Flaschenzug, Einmalhandschuhe, 1 Ölfilter, 1 Dachgepäckträger, Hosen, Schuhe, Socken etc., div. Medikamente und Verbandszeug, 1 elektrische Rei­fenpumpe, 1 Feuerlöscher (6 kg), 1 Klappspaten, 2 Rollen Müllbeutel, diverse Spanngurte, Gar­ten­handschuhe, 1 Handscheinwerfer, 1 Klapptisch, 2 Klappstühle, Moskitonetz, 5 l Motoröl, 1 Werkzeugkoffer, 2 Warnwesten, 1 Abschleppseil, 1 Autolampenbox, 9 Rollen Frischhaltefolie, 2 20-l-Benzinkanister, Sandbrillen, Mundschutz, 3 Reifen auf Felgen, 1 Abdeckplane, 1 Sisal-Seil, 200 St. Kullies (so wurden die Werbekugelschreiber von unserem Sponsor bezeichnet), 1 Karton Frucht­gum­mis, 1 Karton Fingerpuppen, 200 Sternchenballons, 1 Verbandskasten…

En Route

Europa - Afrika - 4. Tag – 1. 1. 2007

Von Tarifa nach Rabat

248 km - 8 Stunden - Gefahrene Kilometer gesamt: 3.028

„‘Pfeif‘ nicht, wenn Du pisst!‘ – dies war denn eine der wenigen Ermahnungen, an die wir uns damals gehalten hatten. Und, was haben wir davon? Wir wären nicht ‚multi-tasking-fähig‘…“

Wie es sich für den Neujahrsmorgen gehört, standen wir um 8 Uhr auf und trafen nach dem Frühstück erfreut auf eine Agentin der Fähre, die Tickets für das Übersetzen nach Tanger zum unschlagbaren Son­derpreis von 100 Euro (Auto und zwei Passagiere) verkaufte, zu einem Viertel des üblichen Preises. Überrascht stellten wir am Fähranleger fest, dass wir doch nicht die einzigen waren, die die 11-Uhr-Fähre nehmen wollten und durchliefen die Passkontrolle. Nachdem Borat sicher im Bauch des Kata­ma­rans verstaut war, erklärte man uns, dass wir die ‚Entry Form‘ ausfüllen und an diesem unscheinbaren Schalter, betitelt ‚Information‘ mit unseren Pässen einreichen mussten. Sodann konnten wir uns ent­spannt zurücklehnen und die nur 35-minütige-Fahrt über die gut 40 Kilometer Meeres, die Europa und Afrika trennen, genießen – den ‚das-Neue-Jahr-hat-begonnen‘-getrübten Blick zurück auf Europa, das im leichten Dunst durch den Felsen von Gibraltar grüßt und den ‚Jetzt-geht‘s-los‘-Blick auf den mir noch unbekannten Kontinent, der überraschenderweise von See aussieht wie jede andere Küste…

Pünktlich um 12.15 Uhr (bei einer Fahrtzeit von 35 Minuten und einem Start um 11 Uhr – ein erster Kontakt mit der legendären ‚marokkanischen Minute‘) legte die Fähre in Tanger an. Borat war bereits 2.790 Kilometer gelaufen.

Es verwunderte mich schon ein wenig, dass dieser Hafen aussieht wie jeder andere und nicht anders riecht – welche Vorstellungen hatte ich eigentlich von Afrika?

Vom Schiff gefahren, wurden die Fahrzeuge erst einmal ordentlich in Schlangen gereiht, die dann von Zöllnern und Polizisten gewichtigen Schrittes abgegangen wurden. Reisepass hier, das legendär wer­den­de ‚Fiche‘ dort, dazwischen die herrische Frage nach der ‚Carte Gris‘. Mittlerweile hatte sich auch ein ‚Zivilist‘ an unser Seitenfenster begeben und erklärte mir, ich sollte mit ihm kommen. Beklommen folgte ich ihm in das, die Autoschlangen überspannende neue imposante Gebäude, treppauf, rechts, an einer Personenschleuse links vorbei über eine Absperrkette… Erste Visionen grausam gemeuchelter harm­loser Touristen, die in einer dunklen Ecke nicht genug Bares aufweisen konnten, durchzogen mein Denken – welche Vorstellungen hatte ich eigentlich von Afrika?

Ganz hinten links ging es dann in ein großes Büro, in dem noch die Umzugskisten auf dem Boden stan­den und ein Mann einsam auf seinen ältlichen Computer einhieb. Unter anderem dann auch die Daten aus meinem Reisepass. Wieder hinunter ging‘s, wobei ich die Aufforderung meines ‚Begleiters‘ zuerst nicht verstand und dümmlich grinsend stehen blieb. Die Treppe hinab vertraute er mir dann an, wir bekämen noch ein ‚Papier‘ und er etwas Geld und damit wären die Formalitäten erledigt. Kaum saß ich wieder sicher im Kadett, als auch schon ein Grenzbeamter herantrat, erneut die ‚Carte Gris‘ ver­lang­te. Wir reichten ihm alles an Papieren, was sich finden ließ, und seine Miene erhellte sich beim Anblick des KFZ-Scheins. Na ja, ein wenig grau ist er ja, warum soll er also nicht ‚Graue Karte‘ heißen. Wenn die das so meinen…

Herrisch begehrte der Beamte noch die ‚Matricule‘ zu erfahren. Schulterzuckend reichte ich ihm den Kraft­fahrzeugschein, woraufhin er diesem das Kennzeichen der Erstzulassung entnehmen konnte und es zufrieden war.

Nunmehr prangte auf unserer ‚Declaration D‘Admission Temporaire De Moyen De Transport‘ mit der Nummer 6404322, gültig bis 28.06.2007, ein Duisburger Kennzeichen statt unseres schönen ‚OB-PB 2007‘. Diese ‚Zeitlich begrenzte Zulassung für ein Mittel des Transportes‘ (um es wörtlich zu über­set­zen) ist, wie uns immer wieder bestätigt wurde, das essentielle Papier, um ein nach Marokko ein­ge­führ­tes Fahrzeug, hier: Borat, auch wieder aus Marokko heraus zu bekommen. Mein ‚Führer‘ hielt die Hand auf, ich legte ihm vertraulich zehn Euro hinein und fuhr los. Jener jedoch kam uns hinterher und begehrte mehr. Glücklicherweise hatte Zeljko noch einen Fünf-Euro-Schein, der diesen dann besänf­tig­te und ihn uns Gute Fahrt wünschen ließ.

Aus der Halle befreit, hielten wir am Ende des großen Platzes um eine Wechselstube aufzusuchen. Rasch wurden aus 100 Euro 1.090 Dirhan und ich nutzte die Gelegenheit, die mir von Jürgen ge­lie­he­ne Djellabah überzuwerfen. Richtig schmuck fühlte ich mich in diesem wallenden, mit einer ‚Obi-Wan-Kenobi-Kapuze‘ gekrönten knöchellangen schwarzen Filzüberwurf. Mittlerweile hatte auch ein Ford Tran­sit neben Borat Platz genommen und einer der beiden Portugiesen, die diesem entstiegen, regte so­gleich an, bereits hier eine Gruppe zwecks gemeinsamer Weiterfahrt zu bilden.

Hätten wir es doch nur gewusst! Wir hätten die Geburtsstunde der ‚Sub-Group‘ „Brochettes Mixed“ gefeiert!

 

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